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IPC-Doppelweltmeisterin Birgit Kober gibt Trainingseinheiten zu den Weltspieltagen im Gartenschaupark - die Athletin im Interview

Geschrieben am 24.05.12 um 17:57 Uhr.  

 

 

Rietberg. IPC-Doppelweltmeisterin Birgit Kober ist an den beiden Pfingsttagen Akteurin im Gartenschaupark Neuenkirchen. Tipps in Sachen Kugelstoßen und Speerwerfen gibt es an beiden Tagen auf der großen Wiese. Besucher können selbst einmal ausprobieren, wie komplex die Bewegungsabläufe in diesen Disziplinen sind. Gleichzeitig wirbt die Athletin auch für mehr Verständnis für den Behindertensport, aber auch das verständnisvolle Miteinander von behinderten und gesunden Menschen. Nachstehend ein Interview mit der Sportlerin.  

 

 1.) Birgit, du bist seit 2007 nach einem schweren Behandlungsfehler in einer Klinik weitgehend an den Rollstuhl gefesselt. Wie schlimm war die Erkenntnis seinerzeit, das bisher gewohnte Leben nicht mehr fortführen zu können und einen radikalen Einschnitt im Alltag hinnehmen zu müssen?

 

Ungefähr ein Monat vor dem Behandlungsfehler  ist meine Mutter an Krebs verstorben, ich war also noch irgendwie zu sehr im Banne dieses Ereignisses als dass ich meine Lage schon in vollem Umfang hätte abschätzen können. Gespürt hab ich aber schon, dass nichts mehr wie früher werden würde, aber irgendwie will man das am Anfang noch nicht recht wahrhaben.  Wenn man dann aber irgendwann damit durch ist, was alles nicht mehr geht, muss man den  Blick darauf wenden, was noch geht, sonst geht man kaputt. 

 

 

2.)    Du hast relativ schnell mit Sport, mit Deiner alten Jugendliebe Leichtathletik, begonnen. Wie viel hat dir das bedeutet? Wie viel Auftrieb gegeben, die neue Lebensform auch allgemein zu meistern?

 

 

 Nachdem ich im Fernsehen die Vorbereitungen zu den Paralympics 2008 in Peking gesehen habe, war es für mich überraschend zu sehen, dass man auch im Sitzen werfen kann. Für mich waren diese Übertragungen sehr wichtig, es war der Anfang eines neuen Wegs. Zudem hab ich keine passende Krankengymnastik gefunden und dachte mir, dann mach ich halt wieder Sport und wenn ich früher schon gut Speer geworfen, auch Kugel gestoßen habe, dann kann ich das jetzt eventuell im Sitzen auch wieder.  Ich konnte wieder aktiv sein, ich hatte vor allem ein Ziel. Das hieß London 2012. Es war mehr ein "nach den Sternen greifen", dass ich da hinkomme, das hatte ich eigentlich gar nicht gedacht, aber ich wollte wenigstens drauf zugehen. 

 

Ich hab einen ganz grandiosen Trainer, Joachim Lipske (BLV), der mir einfach nur helfen wollte, bestrebt war, dass ich mich (behinderungstechnisch) weiterentwickle. Er hat so viele Ideen und bringt immer wieder Neues ein, was mich Monat für Monat weiter gebracht hat. Training war zwar Werfen, aber es war auch ein permanenter Kampf gegen mich selbst. 

 

Mit dem Sport hat sich auch mein Alltag wieder strukturiert, ich hab irgendwie ein Leben zurückbekommen.

 

3.)    Und nicht nur, dass Du schnell mit dem Sport begonnen hast, du bist auch schnell in den leistungssportlichen Bereich gegangen und hast dort binnen kürzester Zeit erstaunliche Erfolge erreicht. Wie motiviert man sich zu solchen Leistungen?

 

 Ja, aus dem "Krankengymnastikersatz" wurde relativ schnell Leistungssport und hier stellten sich wirklich in kurzer Zeit einige grandiose Erfolge ein. Mitunter hab ich das schon der Tatsache zu verdanken, dass ich früher bereits geworfen habe, die Technik also wenigstens im Ansatz gelernt hatte.

Was mich vorantreibt ist nicht unbedingt das Siegen, es ist das Bestreben, etwas wirklich ganz besonders gut zu machen, auf jeden Fall so, dass man nachher immer von sich sagen kann, dass man sein Bestes gegeben hat. Wenn man dann noch gewinnt, dann ist das genial. 

Und der Speer und ich, das war Liebe auf den ersten Griff, das hat seine eigene Magie. 

 

 

4.)    Wie oft und intensiv trainierst Du?  Wie sehr intensiviert sich das Training vor Großereignissen?

 

 

 Normalerweise trainiere ich sechs Mal die Woche jeweils drei bis vier Stunden. An einem Tag mache ich nichts. Das ist Techniktraining, also ganz intensives Arbeiten an den Bewegungsabläufen, dann reines Wurftraining, Krafttraining, Ansteuerung, gymnastische Übungen...es ist sehr vielfältig. Daneben fahre ich noch Handbike und spiele Elektrorollstuhlhockey. 

Vor den Paralympics wird das Training in dem Sinn straffer, dass sich die Trainingslager häufen, diese auch z. B. vor der letzten Weltmeisterschaft schon mal fast vier Wochen lang sein können, die Intensität der Wurfeinheiten nimmt zu und auch das Krafttraining verändert sich. 

 

 

5.)    Du hast deinen Lebensmittelpunkt in München, startest aber für Bayer 04 Leverkusen. Warum?

 

Als ich mit dem Sport anfangen wollte, hab ich in Bayern große Schwierigkeiten gehabt einen Verein zu finden. Das hatte verschiedenste Gründe. Ich hab dann  beim TSV Bayer 04 Leverkusen angefragt, ob es nicht möglich wäre, dass ich dort starte und das war u. a. sogar unter der Bedingung möglich, dass ich in München trainiere. Der Unterstützung dieses Vereins hab ich viel zu verdanken und es macht mich auch sehr stolz dafür starten zu dürfen. 

 

6.)     Du hast mittlerweile Weltmeistertitel, Weltrekorde, Deutsche Meistertitel, Deutsche Rekorde, was ist für Dich noch die besondere Motivation für die Teilnahme an den Paralympics 2012 in London?

 

Wie ich es schon bei Frage 2 beschrieben haben die Paralympics 2008 meine sportliche Laufbahn angestoßen. Jetzt selbst 2012 in London dabei sein zu dürfen, das ist etwas ganz besonderes in dem Sinn, dass sich der Kreis schließt, dass ich für mich sagen kann, dass ich ein Stück über "mein Schicksal"  triumphieren kann. Und ich möchte gerne für meine Mama eine "olympische" Medaille gewinnen. Eine von der Weltmeisterschaft hab ich ihr schon gewidmet. 

 

7.)    The Spirit of olympic Games ist also auch für dich etwas ganz Besonderes ? kannst Du die Besonderheit dieser Titelkämpfe beschreiben?

 

 Ich glaube, "Dabeisein" in London, das ist für alle von uns von wahnsinniger Bedeutung, aber mittlerweile hat auch in den Behindertensport der Leistungsgedanke Einzug gehalten, insofern ist zwar wirklich das "Dabei sein alles" (für jeden anders), aber für die weitere Förderung, auch für die Sponsoren des Sports sind letztlich Medaillenränge schon das Entscheidende. 

Wir starten in verschiedenen Startklassen: die Sehgeschädigten, die Amputierten, die Querschnittsgelähmten, die CP-Klasse (meine)  und mehr. Meist startet man in gemischten Gruppen, also mehrere Abstufungen einer Startklasse zusammen. Ein Punktsystem gleicht dann die behinderungsbedingten Unterschiede aus. Dieses Punktsystem ist vielfach nicht fair, und manche haben dadurch kaum eine Chance mehr.

Letztlich bedeutet das für die Wettkämpfe, dass wir zwar alle gegeneinander werfen, aber eigentlich werfen wir gegen ein Punktsystem und oft verlieren wir nicht gegen einen realen Gegner, sondern gegen dieses Punktsystem. Das ist schon bitter. 

 

 

 

8.)     Wie sehr ärgert es dich, dass der weltweite Sport Behinderter mit ihren außergewöhnlichen und guten Leistungen bisher in Deutschland gemessen an den gesunden Sportlern in der Berichterstattung so wenig Beachtung findet?

 

 

Schwierig. Ich sehe, dass manches schon besser wird, gleichzeitig gibt es immer nur so partielles Interesse für einige Sparten des Behindertensports. Das sitzende Werfen gehört definitiv nicht dazu. Sowas ist aber "medienhausgemacht", denn wer entscheidet, ob ein beinamputierter Sprinter interessanter ist als ein sitzender Werfer? Ich glaube, viele im nicht-behinderten Sport denken, dass "wir" ihrem Image schaden, dass es zu viel Gleichstellung eventuell Sponsoren abschreckt. Ich würde mir einfach wünschen, dass man nicht nur im Vorfeld der Paralympics mal kurz Beachtung findet, sondern auch in dem "Dazwischen", dass wir ein Gesicht bekommen, die Öffentlichkeit mehr mit uns verbindet als "nur" Behinderung, dass man sieht, dass wir "normale Menschen" sind. 

 

 

 

9.)    Du kommst zu den Weltspieltagen in den Rietberger Gartenschaupark, das ist auch eine Form der Werbung für den Behindertensport. Bist Du oft in dieser Mission unterwegs?

 

 

Auf jeden Fall ist das auch Werbung für den Behindertensport! Letztes Jahr war ich in Delbrück bei Mission Olympic, ich starte auch gerne bei nicht-behinderten Wettkämpfen in der näheren Umgebung, um einfach zu zeigen, was ich mache und dass das auch Leistungen sind, die manch einer im Stehen nicht schafft. Mir ist das ein großes Anliegen, dass ich auch die Freude rüberbringen kann, die ich am Werfen habe, dass man versteht, wie "Behindertensport funktioniert", dann interessiert es einen auch und wenn man einen Bezugspunkt hat, dann wird man eventuell auch die Paralympics einschalten.

 

 

 

10.) Die NRW-Landesgartenschau 2008 in Rietberg war die erste Veranstaltung dieser Art die als barrierefrei offiziell zertifiziert worden ist. Wirst du im Rahmen deines Aufenthaltes auch den Park in seiner Gänze erkunden und unter dem besonderen Blickwinkel der Rollstuhlfahrer betrachten?

 

 NATÜRLICH und ich probiere auch gerne alles aus. Ich freue mich schon sehr darauf viele Rietbergerinnen und Rietberger kennen lernen zu können und ihnen zu zeigen, wie mein Training aussieht. Und ich hoffe, es kommen viele, die sich auch einmal selbst im Kugelstoßen oder Speerwerfen versuchen möchten.

 

 



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