Geschrieben am 10.03.10 um 19:00 Uhr.
Rietberg. "Das kann sich sehen lassen" kommentiert Dr. Ole Wintermann, Projektverantwortlicher im Programm "Zukunft global denken" der Bertelsmann Stiftung mit Blick auf viele Zahlen der Emskommune unter dem Aspekt der demographischen Entwicklung. In einer Fachveranstaltung des Lokalen Bündnis für Familie im Kreis Gütersloh und der Wirtschaftsförderung Rietberg stellte der ausgewiesene Experte nicht nur allgemeine Informationen über zu erwartenden Tendenzen bis 2050 vor sondern nahm ganz speziell Rietberg unter die sprichwörtliche Lupe. "Rietberg ist familienorientiert und familienfreundlich", bilanzierte er und prognostizierte zunächst bis 2025 weniger Probleme durch den demographischen Wandel als andere Kommunen zu erwarten haben. Nach wie vor sei die Emsstadt ein Zuzugsgebiet, die Bevölkerungsentwicklung liege noch immer im Plusbereich, um 3 Prozent jährlich erhöht sich die Einwohnerzahl. Sehr gut sei der Wert für das sogenannte Medienalter, hier liegt der Durchschnitt vor Ort bei 38,5 Jahren, bundesweit beträgt er 44,7 Jahre. "Damit hat man hier in den nächsten 20 Jahren ein stabiles Niveau", bescheinigte Wintermann und konnte zudem konstatieren: "Die Geburtenrate liegt hier um 20 Prozent über dem Durchschnitt." Überproportional hoch ist der Anteil der unter 20jährigen in der Bevölkerun,.
Und auch in puncto Familienleben ist die Welt in Rietberg in Ordnung. "Hier gibt es einen sehr starken Anteil an Haushalten mit Kindern, 42 Prozent, also fast die Hälfte, das ist auch im Bundesvergleich sehr hoch. Mit 25 Prozent sehr gering dagegen ist der Anteil der 1-Personen-Haushalte", erläuterte der Referent vor Politikern, Mitarbeitern von Verwaltungen, Firmeninhabern und Personalleitern im Ratssaal im historischen Progymnasium. So ergaben sich auf der Habenseite viele Punkte von der zu erwartenden stabilen Bevölkerungsentwicklung aufgrund der hohen Geburtenrate bis hin zur niedrigen Arbeitslosigkeit der Erwerbstätigen. "Verbesserungsbedarf gibt es in der Erwerbstätigenquote für Ältere und in der Bildungsabwanderung der jungen Leute zwischen 18 und 24 Jahren. Auch sehe ich noch Potential in der Erwerbstätigkeit von Frauen, je 100 berufstätigen Männern stehen 69 Frauen gegenüber," so Dr. Ole Wintermann.
Er legte einen Katalog von Handlungsmöglichkeiten vor und empfahl beispielsweise eine weitere Stärkung der Familienorientierung und ein höheres Augenmerk für eine steigende Frauenerwerbstätigkeit. "Wichtig ist ein Unterstützungsnetzwerk für Familien nicht nur anzubieten sondern es auch transparent darzustellen. Auch sollte die Kooperation der Schulen gefördert werden." Die Weiterbildungsmöglichkeiten für ältere Arbeitnehmer und Unterstützungsstrukturen für pflegende Angehörige ausbauen sowie letztlich auch die Flächennutzung der kommenden Jahrzehnte vorausschauend planen waren weitere Tipps des Fachmannes. Bedeutsam für den Experten ist generell auch das Bemühen der Kommunen, jugendpolitische Beteiligungsmöglichkeiten zu bieten. Beigeordneter Dieter Nowak sah die Daten und Ratschläge als sehr hilfreich an. "Der demographische Wandel verändert schon jetzt vieles und wird künftig für weitere starke Veränderungen sorgen. Das Thema war allgemein wegen der Weltwirtschaftskrise in den Hintergrund getreten, bei uns in der Verwaltung ist das allerdings nicht vergessen sondern gewinnt immer mehr an Bedeutung. Gemeinsam stehen wir alle vor großen Herausforderungen."
Das Vorhalten von intakten Strukturen einer Kommune für ihre Bürger werde mit zunehmender Überalterung der Bevölkerung und steigenden Sozialausgaben nicht einfacher. "Wir sind schon länger in Überlegungen wie wir beispielsweise Bedarfe für Kindertageseinrichtungen und Schulen anpassen können." Der demographische Wandel lasse langfristig erhebliche Auswirkungen auf das Ehrenamt befürchten. "Die Vereinswelt klagt über Nachwuchsmangel, bei manchen Vereinen ist nicht einmal der Fortbestand gesichert. Handel und Gewerbe werden Kaufkraftrückgänge hinnehmen müssen. Wir alle sind gefordert Maßnahmen zu finden um dem Negativtrend entgegenzuwirken. Unser Ziel in Rietberg ist die Stärkung unserer Stadt als wirtschafts- und familienfreundlicher Standort mit der Gestaltung als idealem Wohn- und Lebensraum für alle Bürgerinnen und Bürger." In der anschließenden Podiumsdiskussion erläuterten Experten aus verschiedenen Bereichen die Bedeutung des demographischen Wandels mit Blick auf den Mangel an Fach- und Führungskräften. Wichtig sei eine große Flexibilität aller Beteiligten, die von den Betreuungsangeboten für Kinder auch in Randzeiten bis hin zur mitarbeiterorientierten Personalpolitik in den Unternehmen reicht.
Teilnehmer am Podium waren Dr. Ole Wintermann, die Gütersloher Unternehmensberaterin Ulla Aulenbacher-Werche, die Koordinatorin des Lokalen Bündnis für Familie im Kreis Gütersloh, Carina Stöckl, der Geschäftsführer der GT aktiv GmbH Fred Kupczyk, der Pflegedirektor des Klinikums Gütersloh GmbH Jens Alberti sowie Inhaber Wolfgang Rieländer und Personalleiter Markus Bunte von der Max Lüning GmbH und Co KG mit Sitz in Rietberg.