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Rietberg, die gräfliche Landeshauptstadt

Im Mittelalter zählte die Landeshauptstadt Rietberg zwischen 800 und 1.000 Einwohner, während man in der ganzen Grafschaft vielleicht auf insgesamt 5.000 Seelen, wie man das damals nannte, oder Untertanen des gräflichen Hauses Rietberg kam. Im Vergleich dazu kommt das ehemalige Staatsgebiet Rietberg heute allein mit der Gemeinde Verl (24.800 E.) und der Stadt Rietberg (rund 30.000 E.) schon auf das Zehnfache, nämlich gut 54.600 Einwohner.
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Die Grafschaft Rietberg war im Mittelalter wirklich ein sehr kleines Land, das aber ungeachtet seiner geringen materiellen Basis über eigenes Militär, über eine eigene Währung und über eine eigene Gesetzgebung verfügte und im gewissen Rahmen auch eine eigenständige Außenpolitik betrieb. Rietberger Münzen wurden bis zum 17. Jahrhundert in der danach benannten Müntestraße in Rietberg geprägt. Die Landesregierung hatte bis zum 18. Jahrhundert ihren Sitz auf dem Schloß Rietberg, das etwa Mitte des 14. Jahrhunderts im morastigen Sumpfgebiet 1 km südlich der Stadt, Richtung Delbrück, errichtet worden war.

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Da man das Schloß Rietberg zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht mehr benötigte, wurde es, und das ist vor allem in touristischer Hinsicht bedauerlich, im Jahre 1803 abgebrochen. Heute erinnern nur noch Reste der alten Wallanlagen an das ehemals gräfliche Schloß. Innerhalb der alten Schloßwälle befindet sich heute das Gut Rietberg. Erhalten blieb dagegen die gräflich gestiftete, im Jahre 1748 geweihte Johanneskapelle an der ehemaligen Schloßauffahrt an der Delbrücker Straße. Als einer der bedeutendsten spätbarocken Zentralbauten in Westfalen stellt die Johanneskapelle zweifellos das herausragendste Baudenkmal auf dem heutigen Stadtgebiet von Rietberg dar. Die Kapelle ist dem vor allem in Süddeutschland sehr populären böhmischen Brückenheiligen St. Johannes von Nepomuk geweiht, der seit dem 18. Jahrhundert als Patron der Grafschaft Rietberg verehrt wurde.

Die Stadt Rietberg war die Landeshauptstadt, und sie war gleichzeitig aber auch schon die einzige Stadt innerhalb der ganzen Grafschaft Rietberg. Damit war die Stadt ein aus dem Land in besonderer Weise herausgehobener Bereich relativer bürgerlicher Freiheit und städtischer Selbstverwaltung. Für diese besondere bürgerliche Freiheit steht symbolisch bis heute das Historische Rathaus von 1805, das als eines der schönsten Rathäuser in Westfalen gilt. Während sich die Bürger der Stadt Rietberg in Jahrhunderte der, wie es heißt, "freimachenden Stadtluft" erfreuen konnten, waren die Rietberger Eingesessenen auf den Höfen in den Bauerschaften, die in etwa mit den heutigen Stadtteilen der Stadt Rietberg gleichzusetzen sind, Eigenbehörige des Grafen und unterstanden damit als Unfreie der Weisung und Rechtsprechung ihres Landesherren.

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Eine Stadtmauer hat Rietberg wohl nie gehabt. Die Ems und ein von ihr umflossener Umflutgraben schützten gemeinsam mit einem aufgeschütteten Erdwall mit einer aufgesetzten Planken- und Palisadenbefestigung die Stadt. Bis heute blieb der inzwischen denkmalgeschützte bemerkenswert geschlossene Grundriß des Historischen Stadtkerns mit einem großen Teil der Fachwerkhäuser erhalten. Die vom ehemaligen Nord- bis zum Südtor führende Rathausstraße, die Rügen- und die Müntestraße teilen den historischen Stadtkern in vier etwa gleich große Viertel. Diese Stadtviertel bildeten bis zur Neuzeit die Grundlage für Einwohnerzählungen, Steuererhebungen und Ratswahlen. Sie waren die unterste Verwaltungs- und Gerichtsebene der Stadt.

Im Mittelalter standen den städtischen Räten zwei anfangs gleichberechtigte Bürgermeister gegenüber. In der Verantwortung des Lohnherrn lagen die Stadtfinanzen. Vier Deputierte repräsentierten die einzelnen Stadtviertel. Heute gibt es in Rietberg einen hauptamtlichen Bürgermeister und zwei ehrenamtliche Stellvertreter, die städtischen Finanzen obliegen dem Kämmerer, und die mittelalterlichen Deputierten der vier Stadtviertel können wir in etwa in den heutigen Ortsvorsteherinnen und Ortsvorstehern der sieben Stadtteile wiederfinden.

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