Stolpersteine erinnern an Opfer der NS-Zeit


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Rietberg-Neuenkirchen. Sie sollen zum Nachdenken anregen, sie sollen Erinnerungen wachhalten und Menschen und Schicksale vor dem Vergessen bewahren. Für manche Angehörige sind die Stolpersteine auch »Schlusssteine« – weil sie einen Schlusspunkt setzen unter so manche lange Leidensgeschichte von Opfern von Gewalt und Vertreibung zu Zeiten des Nationalsozialismus. 15 dieser Stolpersteine sind jetzt in Neuenkirchen gesetzt worden.

Sie reihen sich ein in das weltweit größte dezentrale Mahnmal. Mehr als 61.000 Stolpersteine hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in den vergangenen 25 Jahren europaweit gesetzt und so an die Schicksale der Menschen erinnert, die in der NS-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Trotzdem – und das machte Gunter Demnig in seiner Ansprache deutlich, sei es für ihn keinesfalls Routine, seine Stolpersteine in den Gehweg zu bringen. Hinter jedem Stein steckt ein anderer Name, verbirgt sich ein neues, individuelles Schicksal.

Auch in Neuenkirchen gab es jüdische Mitbürger, die Opfer von Gewalttaten wurden. Die Familie Kemper zum Beispiel, die an der Langen Straße 109 wohnte. Julia Hartkamp brachte stellvertretend für ihre Mitschüler am Gymnasium eindrücklich in Erinnerung, wie die Witwe Johanna Kemper und ihre Kinder Kate und Hilde die schrecklichen Ereignisse der Pogromnacht 1938 in Neuenkirchen erlebt hatten. Ihr Sohn Joseph war elf Tage zuvor nach England geflohen – seine Familie tat es ihm kurz darauf nach.

Für alle vier setzte Gunter Demnig vor dem Hauseingang der Villa Kemper an der Langen Straße die ersten vier Stolpersteine. Ihre Namen und Daten sind in die Messingplatten eingeschlagen. Den feierlichen Akt verfolgten rund 100 Interessierte auf der eigens gesperrten Langen Straße. Darunter auch der Sohn von Hilde Kemper, John Rhodes. Der war mit seiner Familie aus Zürich nach Neuenkirchen gekommen, um der Steinsetzung für seine Mutter beizuwohnen. Und den eigenen Kindern das Wohnhaus der Großmutter zu zeigen. Eindrucksvoll berichtete Rhodes selbst, wie ihm seine Mutter immer wieder von den Formen der Verfolgung im Neuenkirchener Alltag berichtet hatte.

Bürgermeister Andreas Sunder zeigte sich beeindruckt von der großen Anteilnahme der Bevölkerung. Viele Menschen und Gruppen hatten ohne Zögern die Patenschaft für die Stolpersteine übernommen. Denn „Gedenken lebt von Vielen“, sagte Sunder.

Weitere sieben Stolpersteine setzte Gunter Demnig für die Familie Lilienfeld und ihren Mieter Dr. Harry Goldmann vor dem Haus Lange Straße 141. Das Haus der Familie Eltbacher, einst Detmolder Straße 10, war 1997 abgerissen worden. Trotzdem: am ehemaligen Standort erinnern nun vier weitere Stolpersteine an die Familie, die in die USA fliehen musste.

In den kommenden  Jahren sollen in Rietberg und den Stadtteilen weitere Stolpersteine folgen. Stadtarchivar Manfred Beine hat bereits Namen und Schicksale von mehr als 50 in der NS-Zeit verfolgten oder getöteten Menschen aus Rietberg recherchiert. Spontanen Beifall bekam Beine für seinen Appell, dass sich diese Art von Hass und Verfolgung nicht wiederholen dürfen.

 

 

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