“Wir bauen Dinosaurier”



Ralf Müller vor dem Referenzregister der Orgelpfeifen. Und die alte Orgel vom Niederrhein in Gänze.

Rietberg. Gut Ding will Weile haben. Und was da in der Werkstatt Speith heranwächst, braucht eine Menge Weile, also Zeit. Mehr als ein Jahr hat Ralf Müller kalkuliert, um die mehr als 300 Jahre alte Kirchenorgel wieder auf Vordermann zu bringen. Im Rahmen der 725-Jahr-Feier der Stadt Rietberg öffnet die Orgelbauwerkstatt Speith für interessierte Besucher ihre Türen.

Dann können sich Interessierte vom Fortgang der aufwendigen Arbeiten überzeugen und den Orgelbauern bei der Arbeit über die Schulter sehen. In der großen Werkstatt Speith steht derzeit eine mechanische Kirchenorgel aus der evangelischen Kirchengemeinde Orsoy, einem Stadtteil von Rheinberg am linken Niederrhein. Baujahr 1680. Vielmehr sind es mehrere Teile, denn die Orgel wird Stück für Stück erneuert. Mit viel Liebe zum Detail und großem Aufwand. "Allein das Holz für die Pfeifen ist schon 100 Jahre alt", sagt Ralf Müller. Der gelernte Orgelbauer leitet den Betrieb in inzwischen fünfter Generation. Er hat ihn 1995 von seinem Vater Günther übernommen. "So krieche ich schon seit meinem sechsten Lebensjahr durch Kirchen", erzählt der mittlerweile 58-Jährige schmunzelnd.

Sein Leben lang beschäftigt sich Müller also mit Orgeln. Und was muss ein Orgelbauer können oder sein? "Ich bin irgendwie alles", sagt er und mag sich nicht festlegen. Handwerklich ist er geschickt in vielen Gewerken. Zeichnen kann er auch. Und musikalisch ist er dazu, spielt Gitarre und Klavier. Der Wahlspruch über dem Eingangstor – "Wir bauen Musik – unsere Hände schaffen Kunst" – fasst dies eindrucksvoll zusammen.

Wenn die Orgelbauwerkstatt den Auftrag für eine ganz neue Orgel erhält – in Speiths 166-jähriger Firmengeschichte sind 450 Orgelneubauten entstanden – dann fertigt Müller zunächst eine komplexe Zeichnung an. Ganz so häufig kommt das allerdings nicht mehr vor. "Es gibt weniger Kirchen und weniger Pastöre, also auch weniger Organisten, die weniger Orgel spielen", beschreibt Ralf Müller die Situation. Die Entwicklung der Kirchen schlägt sich auch bei der Branche der Orgelbauer nieder. "Wir bauen Dinosaurier", zieht Ralf Müller einen Vergleich. "Und die Dinosaurier sind auch irgendwann ausgestorben." Bis es soweit kommt, wird es aber noch lange dauern. Kirchenorgeln sind ein wichtiges Kulturgut", sagt Ralf Müller.

Mindestens ebenso wichtig ist bei der Firma Speith also die Restauration. Der Pfarrer der Kirchengemeinde in Orsoy war zur Zeit der Landesgartenschau in Rietberg und besuchte auch die Orgelbauwerkstatt Speith. Vier Jahre später erinnerte er sich und rief Ralf Müller an: Seine Kirchenorgel müsse umgebaut werden. Nach einer ersten Prüfung war klar: Mit einem Umbau ist es nicht getan, die Orgel bekommt ein komplett neues Innenleben. Dabei versuchen Müller und seine zwei Mitarbeiter, ebenfalls gelernte Orgelbauer, möglichst viele Originalteile zu nutzen. "Ansonsten sind wir sehr wählerisch beim Holzeinkauf", erklärt Müller. Meist wählt er besonders altes und daher auch teures Holz. "Ich achte bei der Maserung von Leisten und Brettern auf die stehenden Jahresringe"

Damit geht es zunächst an einfache Tischler- und Schreinerarbeiten. "Wenn man genau hinsieht: Wir verarbeiten kaum Schrauben. Bei uns wird – wie früher – fast alles gezinkt oder gezapft", so Müller. Bis ins kleinste Detail wird hier millimetergenau gearbeitet. "Man muss die innere Ruhe haben, sonst wird das nichts", sagt Müller über seinen Beruf. Hinzu kommen noch die mechanischen Teile für die Traktur oder beispielsweise die Pfeifen – alles Handarbeit aus der Fima Speith. Um den Metallpfeifen den richtigen Ton zuzuweisen hat Müller ein großes Referenzregister in der Werkstatt.

Das wird beim Tag der offenen Werkstatttüren am Samstag, 13. September, ebenso zu sehen sein wie die in Arbeit befindliche Orgel vom Niederrhein. Müller bietet an dem Samstag zwischen 14 und 18 Uhr Führungen und Erklärungen an und zeigt Bilder von weiteren Orgeln, die er einst baute oder restaurierte – und zwar weltweit. Bis nach Korea hat das Unternehmen schon Orgeln aus Rietberg geliefert.
Das gesamte Programm des Stadtbürgerfestes vom 12. bis 14. September in Rietberg ist auch hier im Internet zu finden.